blogfuerst 10. November 2008
Dr. Patrick Breyer, Richter und Autor der Verfassungsbeschwerde des Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, hat einen bemerkenswerten Brief geschrieben, der an Opfer von schweren Verbrechen gerichtet ist. Hintergrund ist die Argumentation von Überwachungsbefürwortern, dass man im Sinne der Opfer mehr Überwachung fordern müsse. Breyer stellt in seinem Brief den Opfern genau diese Frage.
Es stimmt: Man könnte noch mehr tun, um zu schützen. Man könnte kontrollieren, beaufsichtigen. Vielleicht könnte man dadurch einige Menschen vor Qualen schützen, vor dem, was dir angetan wurde. Du meinst, man darf nichts unversucht lassen. Jedem könnte es passieren, es stimmt.
Und trotzdem wollen wir es nicht. Die Kontrolle ohne Anlass. Die dauerhafte Aufsicht. Es sind Menschen, denen es übertragen würde. Menschen wie du, wie ich, aber auch wie er. Sie sind nicht alle gut. Manche von ihnen sind böse. Und sie machen Fehler. Schwere Fehler manchmal, die auch Unschuldige treffen, mit schrecklichen Folgen.
Wir müssten uns in Acht nehmen vor den Wächtern. Nur wer sich unauffällig verhält, wäre sicher. Manchmal ist es aber wichtig, dass Menschen auffällig sind, anders sind. Sie wollen anders glücklich werden. Ihre Ideen und Taten helfen uns, bringen uns weiter. Sie brauchen Freiräume.
Die Freiheit, die dich unglücklich gemacht hat, macht viele Menschen glücklich. Sie lässt Menschen andere glücklich machen. Hat sie dich nicht auch einmal glücklich gemacht? Dir glückliche Zeiten in deinem Leben geschenkt? Brauchtest du dafür nicht auch Freiräume? Brauchen deine Kinder sie, um glücklich zu werden? Brauchen unsere Kinder sie?
Vielleicht antwortet ja eines Tages ein Opfer eines Verbrechens mit dem Plädoyer, nicht in seinem Namen mehr Überwachung zu forden und einzuführen. Ich glaube nicht, dass die meisten Verbrechens-Opfer eine verbitterte Einstellung wie die konservativen Sicherheitspolitiker entwickeln. Wahrscheinlicher ist wohl eine Entwicklung wie sie bei Angehörigen von Opfern der 9/11-Attentate stattgefunden hat.