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Depressionen, Preußen und Ernie

blogfuerst 3. Dezember 2009

Fast jeder kennt das eherner Prinzip der Zeugen Jehovas, an einem der Ihren niemals eine Bluttransfusion zuzulassen. Selbst wenn dadurch ein Erkrankter/Verunfallter stirbt. Zu Recht wird dieses Prinzip heutzutage von der säkulären Gesellschaft als unmenschlich und inhuman abgelehnt. Zwar wird das Selbstbestimmungsrecht eines Anhängers der Zeugen Jehovas soweit respektiert, dass ihm auch bei Lebensgefahr, Blut nicht gegen seinen Willen verabreicht wird. Das gilt aber nur für Erwachsene. Bei Minderjährigen sieht das Recht vor, dass eine notwendige Bluttransfusion durch Ärzte in jedem Fall durchgeführt werden darf und muss. Für den Otto-Normal-Bürger ist eine Bluttransfusion etwas ganz normales. Für Zeugen Jehovas nicht.

Anderes Beispiel: Scientology. Scientologen lehnen z.B. Antidepressiva und Psychotherapie – also die Psychiatrie insgesamt – vollständig ab. Für Scientologen ist die Heilkunde der Psychiatrie fast so schlimm wie der Nationalsozialismus.

Als letztes Beispiel sei hier der berühmt gewordene Fall der “krebskranken Olivia” angeführt, die erst in letzter Minute durch konventionelle schulmedizinische Behandlung vor dem sicheren Krebstod bewahrt wurde. Ihre Eltern hatten sich bis zuletzt geweigert sie einer Krebstherapie zu unterziehen. Sie vertrauten stattdessen auf die hahnebüchenen Versprechen eines Quacksalbers, der Heilung ohne Medizin versprach.

Was hat das aber alles mit “Depressionen” zu tun? Sehr viel. Alle diese Beispiele zeigen Ansichten auf, die einzelne Bereiche der Medizin nicht akzteptieren oder Krankheitsbilder nicht als solche anerkennen. Konsequent zu Ende gedacht führen diese Ansichten dazu, dass entweder falsch oder gar nicht behandelt wird. Das wiederum führt in der Regel am Ende unweigerlich zum Tod. So geschieht es leider hierzulande hunderttausendfach mit Depressionen. In weiten Teilen der Bevölkerung gelten Depressionen nicht als ernsthafte Erkrankung. Dabei hat es ausgerechnet “Ernie” (Berthold Heisterkamp) aus der TV-Serie “Stromberg” wie kein zweiter auf den Punkt gebracht:

“Depression ist eine ganz normale Krankheit wie Krebs…”

Der Vergleich mit Krebs könnte eigentlich kaum besser sein. Gemessen an der Gesamtzahl der an Krebs erkrankten Menschen in Deutschland handelt es sich hierbei fast schon um eine Volkskrankheit. Genauso wie bei der Depression. Abgesehen von seltenen Fällen ist Krebs heutzutage schon sehr gut therapierbar. Allerdings nur dann, wenn er früh genug erkannt wird. Je später eine Krebserkrankung entdeckt wird, desto geringer sind die Heilungs- und Überlebenschancen. Mit der Depression verhält es sich ganz genauso. Je früher sie erkannt und (!) angemessen behandelt wird, desto größer sind die Heilungs- und Überlebenschancen. Je länger eine Depression unbehandelt bleibt desto größer steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man sie gar nicht mehr los wird und damit auch zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Ausganges. Suizidgefährdung hat nichts, aber auch überhaupt nichts mit “verrückt sein” zu tun. Suizidgefärdete erleiden derart starke (seelische) Schmerzen, dass sie diese nicht mehr aushalten können und nach einem Ausweg suchen. Ähnlich wie Krebspatienten im Endstadium, die ebenfalls so starke Schmerzen erleiden, dass sie nicht mehr länger leben wollen und deshalb mit Morphium behandelt werden, um ihren Zustand wenigstens schmerzfrei und erträglich zu machen. In so einem Fall wird sogar die Behandlung mit als “Drogen” bezeichneten Mitteln gesellschaftlich anerkannt. Nicht so bei Depressionen. Hier gibt es nach wie vor hunderttausende von (nicht medizinischen) Psychotherapeuten, die medikamentöse Behandlung ablehnen, obwohl es längst bewiesen ist, dass Medikamente im Verbund mit Psychotherapie die besten Heilungsaussichten haben. Ganz zu Schweigen vom Denken vieler Millionen Deutschen, die Psychopharmaka für überflüssig oder gar schädlich halten. Kein vernünftig denkender Mensch käme bei einer Krebsdiagnose auf die Idee, Chemotherapie oder Operation als schädlich oder unnütz zu bezeichnen. Bei der Depression wird es jedoch getan.

Bei alle dem stellt sich die Frage – warum ist das so?

Aufgrund meiner binationalen Sozialisierung erlaube ich es mir an dieser Stelle als Beobachter der deutschen Mentalität sowohl von innen als auch von außen, folgende Antwort darauf zu geben:

Es liegt an der deutschen Mentalität, die sich – nach wie vor – aus den preußischen Tugenden speist. Nicht umsonst wird den “Deutschen” aus dem Ausland nachgesagt, sie seien besonders fleißig, pflichtbewußt, pünktlich, ordentlich und vor allem “hart”; sowohl gegen andere als auch – und ganz besonders – gegen sich selbst. Ihren Ursprung haben diese Tugenden in der protestantisch-calvinistischen Moral, die aus heutiger Sicht äußerst “puritanisch” war. Ein berühmter Satz des großen Deutschen Otto von Bismarck lautete deshalb nicht umsonst:

Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Schuldigkeit zu tun.

Dieser Satz bringt einen grundsätzlichen Aspekt dieser Mentalität auf den Punkt. Glück und Genuß ist nichts für den tapferen Soldaten. Höchstens was für die Frauen. Entsprechend verpöhnt war es nach Glück und Genuß zu streben. Die Kehrseite dieser Auffassung ist, dass das Unglück Krankheit eben nicht so schlimm war. Im Gegenteil. Erst damit könnte ein starker Mann beweisen, wie hart er ist, wenn er trotz Krankheit wie gewohnt seine Pflicht erfüllt. Krankheit und Schmerz sind gut, weil sie einen noch härter machen. Sich ins Bett zu legen und die Krankheit auszukurieren ist in dieser Welt undenkbar. So was war etwas für “Schwache”. Also z.B. Frauen. Die könnten sich sowas erlauben, nicht aber die Männer. In diesem Männerbild war (ist) kein Platz für Schwäche und damit auch keiner für Krankheit. Außer es handelte sich um eine Krankheit, die selbst bei stärkstem Willen, ein Weitermachen ausschloß. Zum Beispiel ein gebrochenes Bein. Wer aber ohne sichtbare Einschränkung “jammerte” wurde nicht mehr akzeptiert. Solche “Gefühle” hatten nur Schwache. Und als “schwach” will schließlich keiner gelten. Es ist diese Mentalität, die ursächlich ist für die berühmte deutsche “Unterkühltheit”, die Gefühle auf die hinteren Plätze abschiebt. Und die hat nichts mit kühleren klimatischen Bedingungen zu tun. Ein Blick in den Norden zu den schwedischen Nachbarn zeigt, dass Mentalität nichts mit Klima zu tun hat. Diese kulturelle Prägung ist historisch bedingt und entwickelt sich in der Postmoderne zu einer gefährlichen Altlast. Das genaue Gegenteil einer äußerlich sichtbaren “Erkrankung” wie einem gebrochenen Bein, ist hier nämlich die Depression. Ein gebrochenes Bein sieht jeder und hat Verständnis dafür, dass z.B. der Fußballer nicht spielen kann. Selbst bei Krebs kann man einen Tumor sehen und hat entsprechend Verständnis für die gesamtkörperlichen Beeinträchtigungen. Nur bei der Depression hört es auf mit dem Verständnis. Nicht nur weil man sie nicht sehen kann, sondern weil sie gewissermaßen eine Erkrankung des Gefühlsempfindens ist. Und Gefühle – das wissen wir ja jetzt – ist was für die Schwachen. Der Starke kann auch ohne sie – egal wie es sich anfühlt.

Die Depression steht heute dort, wo die Schmerztherapie vor ein paar Jahrzehnten stand. Früher war es in der Medizin herrschende Meinung, das Schmerzen ein wichtiges körperliches Signal seien, dass man nicht einfach abstellen dürfe. Jeder von uns hat selbst schonmal so gedacht, als er Kopfschmerzen hatte:  “Nehm ich jetzt ne Kopfschmerztablette oder lass ichs? Tabletten soll man doch eigentlich nicht nehmen. Und erst recht nicht bei so “kleinen Wehwehchen”.  Heute weiß man, dass unbehandelte Schmerzen (bei denen man die Ursache nicht so einfach abstellen kann) ebenfalls zu ähnlichen Folgen wie psychische Erkrankungen führen. Also Depression und Tod. Weil man Schmerzen eben nicht sehen kann, waren sie auch lange Zeit nicht anerkannt als behandlungsbedürftige Krankheit. Heute gibt es sogar spezielle Schmerzkliniken. Wer Schmerzbehandlungen heutzutage ablehnt – und zwar unabhängig davon ob es einfacher Kopfschmerz oder Endstadiumskrebs ist – handelt in der gleichen moralischen Kategorie, wie jemand der Leid in aller Welt (Unterdrückung, Hunger, Katastrophen, etc.) als beizubehaltenden Zustand sieht.

Im Gegensatz zu Krebs, Herzerkrankungen oder Knieverletzungen sind Depressionen hierzulande immer noch nicht gesellschaftlich als ernsthafte Krankheit anerkannt. Während es in Ländern wie den USA zum guten Ton gehört, seinen eigenen Psychotherapeuten zu besitzen, sind psychische Probleme hierzulande immer noch mit Scham und Vorurteilen besetzt. Viele denken, dass psychische Probleme – wenn sie eher leicher Natur sind – von dem Betreffonen selbst gelöst werden könnten (und deshalb auch müssten). Werden sie nicht gelöst, dann schwingt subtil der Vorwurf mit, dass man wohl zu faul sei oder zu schwach. Sind die psychischen Probleme schwerwiegender, dann verkehrt sich die Vorstellung in Ablehnung und Abscheu. Dem Betroffenen wird der Stempel “verrückt” aufgedrückt und er wird künftig wie ein Leprakranker gemieden. Schließlich will sich keiner mit einem Verrückten abgeben, der besser “in der Klapse” aufgehoben wäre. Die subtile gesellschaftliche Ausgrenzung solcher Betroffenen erinnert stark an die frühere Diskriminierung körperlich Behinderter. Die mit psychischen Problemen überfrachtete Figur des “Ernie” aus Stromberg, trägt einen großen Anteil am Erfolg der TV-Serie. Auch deshalb weil duch diese Figur der Gesellschaft bzw. den Zuschauern ein Spiegel vorgehalten wird. Und Serien, die der Gesellschaft besonders treffend einen Spiegel vorhalten, sind bekanntlich immer sehr erfolgreich. (Wer würde sich schon gerne mit “Ernie” öffentlich anfreunden?)

So wie früher Aids die Krankheit der Schwulen und (unmoralischen) Promiskuitiven war, so gilt Depression heute als die Krankheit der Schwachen. Entsprechend würden nur solche Schwachen an Depressionen sterben. So wie z.B. Rex Gildo, Kurt Cobain und andere berühmte Suizid-Opfer, die zuvor einen gesellschaftlich – angeblich selbstverschuldeten – Abstieg durchlitten haben und mit entsprechend wenig Mitgefühl bedacht wurden.

Den meisten Menschen ist es nicht bewußt, wie gefährlich Depressionen sind, weil Suizide (ich vermeide den wertenden Begriff  “Selbstmord”, weil er den tödlichen Krankheitsverlauf als illegitim abstempelt) seit den Leiden des jungen Werther von Goethe geradezu verheimlicht werden. Zumindest herrscht in Medien und Presse das Übereinkommen über Suizide nicht zu berichten, um keine Nachahmer zu animieren. Diese Handhabung mag verständlich sein. Allerdings hat sie den Nachteil, dass die Mortalität von Depressionen so aus den Augen der Öffentlichkeit verschwindet und nur noch in trockenen und unpersönlichen Statistiken zu finden ist. Damit aber verschwindet auch das öffentliche Empfinden für die Gefährlichkeit dieser Erkrankung. Während eine Krebserkrankung oder auch ein Krebstod im privaten Umfeld ohne Scheuklappen erzählt wird, versuchen Angehörige einen Suizid aus Scham zu vertuschen. Es könnte ja jemand auf die Idee kommen, ihnen eine Mitschuld an dem Suizid zu geben.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Suizid von Robert Enke wie ein riesiger Befreiungsschlag. Denn er hat das Potential alle Vorurteile über Depressionen aus den Köpfen der Menschen zu sprengen. Robert Enke war einer der erfolgreichsten Torhüter der Nation. Er stand in der Blüte seines Schaffens. Er war auf dem (sicheren) Weg zum Höhepunkt seiner Karriere – der WM. Er hatte eine Familie und er war beliebt bei den Menschen wie kaum ein zweiter. Er hatte keinerlei Drogenprobleme, wie so manch anderer Promi und wartete auch nicht mit irgendwelchen Skandalen auf. Er war kein oberflächlicher Mensch, nicht arrogant oder abgehoben. Er war bodenständig und smart. Aber vor allem war er stark! Sonst hätte er niemals so viel Erfolg gehabt. Kurz um – er war ein Siegertyp, ein Superman. Und so einer hat schwere Depressionen und begeht Suizid? Das haben viele nicht verstanden. Wie auch. So jemand hat nach dem gängigen Verständnis auch keine Depressionen. Und genau deshalb könnte Enkes Tod ein Umdenken einleiten und dazu führen, dass nicht mehr die “Zeugen Jehovas” und “Scientologen” des FC Bayern, die Depressionen nicht als Krankheit sehen, das gesellschaftliche Bild bestimmen.

Da Depressionen heutzutage äußerst erfolgreich behandelt werden können, stellt sich die Frage, warum Enke und die vielen anderen trotzdem sterben mussten. Wer ist denn dafür verantwortlich? Auf keinen Fall die Depressiven selbst. Und die Angehörigen noch weniger. Es ist die Gesellschaft. Jeder einzelne von uns, der seine Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen nicht ändert ist dafür verantwortlich, dass sich Depressive nicht wie Krebs- oder Unfallpatienten schnellstmöglich in medizinische Behandlung begeben. Nicht die Depression an sich ist so gefährlich. Sondern der gesellschaftliche Status und Umgang mit ihr, stellen die größte Gefahr für alle Depressiven dar. Hier muss sich etwas radikal ändern. Und zwar bei allen. Wer bei seinen Vorurteilen bleibt, sollte sich besser den Zeugen Jehovas oder Scientology anschließen. Dort wird die Medizin zum Teil auch schlicht geleugnet.

 

4 Reaktionen zu “Depressionen, Preußen und Ernie”

  1. anonam 7. Dezember 2009 um 15:36 Uhr

    Scientology, das schleichende Gift für unsere Freiheit!

    Ein Alptraum in 3 Worten:
    Tagesschau: ” Bundeskanzlerin Sabine Weber…”

    Frau Weber ist Präsidentin der Scientology Organisation Berlin, sie leitet außerdem den
    scientologischen Geheimdienst OSA,
    der jetzt schon für Unterdrückung der Meinungsfreiheit sorgt:
    Er verfolgt und terrorisiert Kritiker.

    Ist Scientology erstmal an der Macht, gibt es überhaupt keine Freiheit mehr.

    Durch Aufklärung wollen wir verhindern, dass dieser Alptraum Wirklichkeit wird:

    http://forum.diekartegefunden.com/viewtopic.php?f=16&t=236

  2. Internetausdruckeram 13. Dezember 2009 um 18:14 Uhr

    Dein Artikel spricht mir aus dem Herzen.

    Der Tod von Robert Enke wird aber auf lange Sicht leider nichts verändern. Nicht-Depressive können nicht nachvollziehen, warum und wie ein Depressiver leidet. Man kann es nicht sehen und es geschieht völlig grundlos. Deshalb wird ständig an die Disziplin appelliert: “Nun reiß Dich mal zusammen!” Das Problem ist nur, dass man seinen Gefühlen nichts befehlen kann. Sie werden nicht vom Verstand regiert, es ist eher umgekehrt. Aber die Prediger des “Positiven Denkens” wollen das nicht sehen.

    Es müsste schon eine nachhaltige kulturelle Veränderung passieren. Bis dahin aber werden bei jedem Personalchef bei dem Wort “Depression” die Warnlampen angehen. Deshalb wird es auch fürderhin besser sein, lieber nichts darüber zu äußern.

  3. Blog Fürst » heise und Scientologyam 14. Dezember 2009 um 21:37 Uhr

    [...] Hier habe ich bereits ausgeführt, in welcher Gesellschaft sich solche Ansichten bewegen. Zumindest sollte sich heise bzw. Telepolis überlegen, ob sie solche Scientology-Ansichten wie der von Tom Cruise weiter verbreiten wollen: [...]

  4. Anneam 12. Mai 2010 um 22:06 Uhr

    Ach der Ernie ;)

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