KiPo: Unionschristen und Sozialdemokraten sind Täter
blogfuerst 16. August 2009
Schon etwas älter aber nach wie vor aktuell – ein Beitrag von mogis, der das Verhalten der Bundesregierung analysiert und feststellt, dass Union und SPD in der Debatte um die Internet-Zensur sich wie Täter (aus dem Bereich des Kindesmissbrauches) verhalten. Dieser Feststellung ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
Einen bislang unberücktsichtigten Einwand liefert dieser TP-Artikel, der von dem in konservativen Köpfen tief verankertem Traum einer perfekten Bilderbuchwelt. Um diesem Traum zur Realität zur Verhelfen schrecken solche konservativen Unionspolitiker nicht mal vor systematischem Verfassungsbruch zurück. Jedenfalls bringt es Bettina Winsemann auf den Punkt:
Menschen sehen oft nicht gerne, dass andere Menschen Probleme haben. Der betrunkene, heulende Mann auf der Bank beim Dorffest, die sich einnässende Frau, die nach Hause schwankt, das Kind mit den einmal zu oft auffälligen blauen Flecken, der weinende Opa, die zu viel Shit rauchende Tussi oder der sonstwas in sich reinfressende Typ – wegsehen oder lästern ist immer simpler und beliebter als einmal die Füße hinter die Absperrung von Abscheu, Ekel, Herablassung und Verachtung zu setzen, um die helfende Hand auszustrecken. Die Illusion der Schönheit, der Perfektheit, des hübschen Lebens will eben gepflegt werden, genauso wie der Vorgarten, in dem mit geradezu fanatisch anmutender Akribie jeder Löwenzahn, jeder Grashalm, jede Brennessel der Hacke oder dem Roundup zum Opfer fallen, auf dass die notfalls mittlerweile sogar künstlich eingefärbten Heidebüsche und Rosen eine Idylle vortäuschen. Wer hier langläuft, der findet aufgeräumte Bürgersteige, gefegte Straßen, blühende Geranien und gestutzte Hecken. [...] Doch man muss nicht in “Twin Peaks” landen, um festzustellen, dass die Idylle hier nur eine Fiktion ist. Hinter den weiß gestrichenen Mauern, den hübschen Gardinen, den Geranien am Fenster und den sorgfältig geputzten Rolladen verbergen sich so viel Leid, Verzweiflung, Wut, so viele traurige Schicksale, verlassene Seelen und blutende Herzen, dass es schmerzt. Was Frau von der Leyen und ihre Bundesgenossen möchten, ist die mediale Umsetzung dieser Lüge. Um anderen und sich selbst den Anblick des Lebens zu ersparen, wie es tatsächlich ist, sollen Stoppschilder, DNS-Verbiegungen und Filter das Internet in eine Idylle verwandeln, in das perfekte Leben, in dem es nur Schönes gibt. Alles, was nur irgendwie von jenen, die die Macht haben, als hässlich, ekelig, verachtenswert, widerlich, grausam… angesehen wird, soll dem Schönen, dem Hübschen, Friedlichen und Akzeptierten weichen. Die Definitionshoheit darüber, was schön und was hässlich ist, liegt natürlich bei denen, die mit Machtfülle ausgestattet sind. [...] Frau von der Leyen und ihre Befürworter wollen nicht nur nicht wahrhaben, dass es in diesem kleinen Dorf hinter der weißgetünchten Mauer Menschen gibt, die sich jeden Tag mit Glasscherben die Arme aufschneiden, sie wollen auch verhindern, dass es jemand sieht, dass es jemand wahrnimmt. So kann sich natürlich auch niemand darum kümmern, aber das ist den Protagonisten der technischen Heuchelei egal. Den Kinderpornoseiten werden Pro-Ana-Seiten folgen, Seiten, auf denen sich Menschen über ihre Selbstverletzungen austauschen, auf denen Menschen ihre Depressionen schildern. Menschen wie Frau von der Leyen können nicht verstehen, dass auch die Tatsache, dass man mit seinen Macken nicht allein ist, schon tröstend sein kann. Sie wollen es gar nicht verstehen, sie wollen von all dem nichts wissen, wollen wegschauen können, wenn der Betrunkene sich einnässt oder die Frau nebenan mit blauem Auge ankommt. Das Leben ist einfacher so. Sonnenbrillen für jene mit blauen Augen, lange Ärmel für jene, die sich an den Armen verletzten – das sind die Lösungsvorschläge, die von solch kurzsichtigen Menschen, solch verblendeten und egoistischen Menschen wie Ursula von der Leyen kommen. Für sie ist der eingekotete, besoffene, heulende Mensch niemand, dem man helfen sollte – für sie ist er Abschaum, den man nicht sehen will. Dass die Dame auch noch Familienministerin ist, macht das Ganze doppelt widerlich. Familie sollte nicht nur etwas wie Blutsverwandschaft bedeuten – es sollte Mitgefühl und Hilfe bedeuten und gerade auch die Familienministerin sollte hier Mitgefühl, Hilfeleistung, Füreinanderdasein ins Zentrum ihres Wirkens stellen. Stattdessen aber predigt die Kultur des Wegsehens, des Angewidertseins, eine Kultur des Lügens. Das ist die Antikultur der Familie, das ist offene Verachtung gegenüber Menschen mit Problemen, das ist Zynismus pur. Wenn nebenan das Kind geschlagen wird und schreit: stell die Musik lauter. Das ist Frau von der Leyens Rat, wobei sie selbst sogar noch die Musik lauter stellt. Dem Kind hilft das nicht, aber vielleicht Frau von der Leyen selbst. Bei dem Gedanken “ich habe etwas getan”, auch wenn es nur das eigene Gewissen beruhigt und hilft, die Idylle aufrechtzuhalten. [...] Narben hin oder her. Vielleicht trägt er demnächst auch mal Shorts, auch wenn man dann *seine* Narben sieht. Auch vermeintlich Hässliches kann manchmal tröstend sein. Und es gehört zum Leben, zum ganz normalen leben, fernab der Illusion, dass das Leben nur Schönes zu bieten hat.















