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Brief an die “Linken”

blogfuerst 9. August 2009

Der renommierte Osnabrücker Soziologe Mohssen Massarrat hat sich in einem offenen Brief an “die Linken” gewandt, denen er selbst zwar angehört, jedoch in Fragen von internationaler Politik offenbar widerspricht. Sein Brief ist einerseits eine grundsätzliche Kritik an linken Fundamentalpositionen, auf der anderen Seite aber ein äußerst informativer, detaillreicher und differenzierter Bericht über die Hintergründe der jüngsten politischen Krise im Iran. Wer sich ein einigermaßen objektives Bild der Lage und Geschehnisse, sowie der geschichtlichen Hintergründe machen will, sollte diesen Brief unbedingt lesen. Ich beschränke mich an dieser Stelle darauf ein paar – auch allgemein verwendbaren – Zitate an der Kritik von Linken wiederzugeben.

Das theokratische Regime im Iran hat – um auf den Anlass meines Offenen Briefes zurückzukommen – nach dem offensichtlichen Wahlbetrug, mit dem ich mich weiter unten eingehender befassen werde, mindestens 50 Tote auf dem Gewissen, es schickte die gesamten Kader der Reformbewegung, fast alle namhaften kritischen
Journalisten und Hunderte Menschen, die den Wahlbetrug vom 12. Juni nicht hinnehmen wollten, in die Gefängnisse. Und dennoch hüllt Ihr Euch, liebe Genossinnen und Genossen, in Schweigen oder publiziert gar Pamphlete zur Unterstützung der theokratischen Führung.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – die Adressaten dieses Offenen Briefes sind alle diejenigen Linken, die man auch eindimensionale Antikapitalisten nennen könnte. Sie reduzieren den ganzen Marx, ja die ganze Welt, auf Lohnarbeit und Kapital und den Kapitalismus darauf, dass er auf Ausbeutung beruht und dass
erst durch seine Abschaffung alle Probleme der Welt beseitigt und dadurch für die Menschheit die Epoche des ewigen Glücks ausbrechen würde. Auf dieser reduktionistischen Vereinfachung der Welt und naiven Illusion beruht m. E. die Neigung, Machtbeziehungen, kulturelle Potentiale, Einfluss von Tradition, Religion und viele andere Faktoren auszublenden und die Gegenwart und Geschichte ahistorisch nach eigenen Vorstellungen zurechtzubiegen. Der aktuelle Fall gibt mir die Gelegenheit zu einer grundsätzlichen Problematisierung dieses verengten Blickes auf die Welt, weit über den Iran hinaus.

Wie man Eure Sicht und Haltung auch dreht und wendet, Euer grundsätzliches Problem ist die Selektion der Fakten, die ihr jenseits des historischen Kontextes ganz beliebig, ahistorisch und nach eigenem Gutdünken nach dem Muster zusammenbastelt: es ist nicht, was nicht sein darf und es muss so sein, wie ich persönlich es mir ausmale.
Mit dieser Methode geht Ihr mit allen Entwicklungen in der Welt und mit allen Reformen um, die dem idealistisch zurechtgebastelten Bild in Euren Köpfen nicht entsprechen. Demnach irrt sich nicht nur das iranische Volk, sondern es irren sich auch Obamas Anhänger in der ganzen Welt, weil Obama oft anders tickt – mit Hinblick auf sein gesamtes Umfeld, das sich aus lauter Feinden, die ihn zur Strecke bringen wollen, zusammensetzt, ja auch anders ticken muss. In der „jungen Welt“ lasst Ihr beispielsweise genau nach diesem ahistorisch idealistischen Wahrnehmungsmuster an Obama kein gutes Haar, egal was er macht, obgleich
dieser – nach einer ganzheitlich-historischen Betrachtung und mit Hinblick darauf, dass er eine gefährliche Clique in den USA abgelöst hat, die die Welt in Chaos, Krieg und Unsicherheit stützte – in Wirklichkeit ein Glücksfall für die Menschheit ist.

Ihre von mir beschriebene ahistorisch idealistische Methode mag auch erklären, warum die eindimensional antikapitalistische Linke sich in den kapitalistischen Staaten ständig jedweder Handlungsfähigkeit beraubt, substantielle Reformen in Gang zu setzen, dass sie beispielsweise über Massenarbeitslosigkeit und den Hartz
IV-Skandal nur jammert, sich aber lieber mit diesem abfindet als für eine Vollbeschäftigung durch Arbeitszeitverkürzung mit gewissen Zugeständnissen an den Mittelstand – somit also durch eine kleine Abweichung von der antikapitalistischen Maximalforderung – einzutreten und Wege zu beschreiten, die
Reformen möglich machen und die Menschen vom Elend der Arbeitslosigkeit befreien könnten. Außerdem ist diese Linke trotz der größten Wirtschaftskrise nicht in der Lage, durch gesellschaftliche Kampagnen Mehrheiten für die Überwindung der Massenarbeitslosigkeit zu schaffen, weil sie glauben, endlich einen Grund zu haben, zu allererst für die Beseitigung des Kapitalismus eintreten zu müssen.

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