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Warum bringen wir Mörder nicht um ?

blogfuerst 2. Dezember 2008

Nach dem Film “Mogadischu” wurde bei Anne Will am Sonntag Abend in einer Gesprächsrunde über die RAF und die anstehende Freilassung Christian Klars diskutiert. Der ebenfalls anwesende Co-Pilot der damals entführten Landshut erklärte, dass er wegen der Freilassung Klars sein Bundesverdienstkreuz zurückgeben wolle. Vor diesem Hintergrund machte sich Malte Welding vom Spreeblick Gedanken darüber, wie er wohl in ähnlicher Situation handeln würde. Ihm gelingt es die Prinzipien unseren Strafrechts mit einfachen Worten derart verständlich darzustellen, dass ich ihn einfach mal zitiere an dieser Stelle:

Das Strafrecht übt sich jedoch nicht in Opfertherapie. Das Strafrecht will Rechtsfrieden herstellen. Und zu diesem Rechtsfrieden gehören eben auch der Täter und seine Angehörigen. [...] Ich habe mich natürlich schon häufiger, wie wahrscheinlich jeder, gefragt, was ich tun würde, wenn jemand meine Freundin töten würde. Tatsächlich komme ich bei dieser Überlegung nicht sehr weit. Erstaunlich viele Eltern von ermordeten Kindern äußern, anders als man denken würde, gar nicht den Wunsch nach möglichst grausamer Vergeltung. Die Trauer ist oft viel stärker als die Rachsucht. Es könnte also gut sein, dass ich mir resignierend sagen würde: „Dadurch wird sie auch nicht wieder lebendig.“
Denn das ist ja der eigentliche Wunsch von Opfern: Dass die Tat nie geschehen wäre. Und daher kann das Recht immer nur Krücke sein, da es genau das nicht leisten kann. Die Naturalrestitution ist leider nur in einigen Fällen der Sachbeschädigung möglich.

Würde aber der Zorn über die Trauer siegen und ich würde den Täter zur Strecke bringen – dann wäre der Schmerz groß in der Familie des Täters, der jetzt Opfer wäre und jemand aus dieser Familie würde sich möglicherweise an mir rächen. In Albanien zum Beispiel geht man heute noch so vor. „Heute sollen – je nach Quelle – wieder bis zu 15.000 albanische Familien in Blutrache-Konflikte verstrickt sein, die zum Teil auf Vorfälle vor dem Zweiten Weltkrieg zurückgehen.“

(Und all das könnte ebenso gut geschehen, würde jemand meine Freundin fahrlässig töten, bei einem Autounfall, Rachsucht neigt eben nicht dazu, sich um juristische Detailfragen zu kümmern.)

Nun sind wir von den Zeiten der Fehde ja weit entfernt, aber ist es nicht zumindest denkbar, dass die Tatsache, dass Klar eben nicht einfach hingerichtet wurde, die Unterstützerszene befriedet hat? Die Herstellung des Rechtsfriedens beinhaltet, dass ein Urteil von allen mittelbar und unmittelbar Betroffenen akzeptiert werden kann. Das heißt, dass absurd milde Strafen abgelehnt werden müssen, aber eben auch allzu harte.

Abgesehen von diesen recht elementaren und simpel gestrickten Überlegungen sind Strafen mit Augenmaß natürlich auch Opferschutz. Denn würde man drakonisch strafen (immer wieder gibt es in den USA Bestrebungen, auch für Sexualstraftaten die Todesstrafe einzuführen), hätte der Täter allen Grund, jeden Zeugen seiner Taten zu töten. Oder wie im Fall der Landshut: Wenn sowieso die Todesstrafe auf einen wartet, sprengt man sich möglicherweise eher in die Luft (denn auch das wurde zumindest im Film deutlich: die Entführer zögerten selber die Sprengung hinaus, weil sie am Leben hingen).

Und eben auch: Selbst Christian Klar und selbst ein sadistisch motivierter Kindermörder fallen nicht aus dem Geltungsbereich des Grundgesetzes heraus. Gerade weil wir von Natur aus grausamer, hinterhältiger und rachsüchtiger sind als jedes andere Tier, schützen wir uns selber vor unseren niedersten Trieben, indem wir jeden Menschen unter diesen besonderen Schutz stellen: Seine Würde ist unantastbar. Sogar wenn er alles dafür getan hat, eine Schande für seine Art zu sein.

Strafrecht und seine Vollstreckung genügen nicht dem Bauchgefühl und sind mit Sicherheit nicht dazu geeignet, dem Opfer eines Verbrechens den Schmerz zu nehmen. Die Justiz hat eine lange Entwicklung hinter sich bringen müssen, um zu erkennen, dass auch Mörder Menschen sind. Dass auch Mörder Menschen sind, ist ein Satz, der sich wahnsinnig leicht hinschreiben lässt, und den man ungeheuer schwer einem Opfer ins Gesicht sagen kann. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass Anne Will sich getraut hätte, zu erklären, warum wir Mörder nicht töten.

 

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